Meyer zu Selhausen

1920  am 15. Januar wird Werner Meyer zu Selhausen in Bad Oeynhausen geboren.
1936 Besuch des Gymnasiums bis zum Einjährigen.
1938 Einzug zum Arbeitsdienst im Raum Gütersloh.
1939 - 1945 Offizierslaufbahn bei der Luftwaffe, Einsatz im Flakschutz.
1944 1.Studiensemester in Berlin, Heirat mit Ingeborg Möller.
1945
Schwere Verwundung, Studium Jura/Volkswirtschaft in Berlin.
1951 Heimkehr nach Bad Oeynhausen.
1952 Eintritt in die FDP.
1954 Beginn der Praxis als Rechtsanwalt und Notar.
1956 Wahl zum Stadtrat.
1968 - 1984 Stadtdirektor von Bad Oeynhausen. u.a. Gestaltung der Gebietsreform, Gründung der Spielbank. Pensionierung, Beginn umfangreicher Arbeiten als Chronist.
1984 Pensionierung, Beginn umfangreicher Arbeiten als Chronist.

Heute lebt er mit seiner Frau im Eigenheim an der Schützenstraße bei der Herzklinik Bad Oeynhausen.

MzS - ein badestädtisches Lebenswerk

"MzS" – ein badestädtisches Lebenswerk.
Werner Meyer zu Selhausen stellte als Stadtdirektor die Weichen des Wirtschaftswunders und schreibt heute als Chronist Geschichte. Die Fotokollage ist ein Geschenk aus dem Rathaus und zeigt Meilensteine seiner Tätigkeit.
Meyer zu Selhausen

Sein „Meyer zu“ führt auf den Sattelmeierhof Selhausen am Rande Bielefelds zurück. Der Händedruck ist forsch und die qualmende Zigarre signalisiert: „MzS“ weiß, wie man den Schornstein rauchen lässt. Als Sohn eines Rechtsanwalts wird er 1920 in Bad Oeynhausen geboren, überlebt den Krieg, arbeitet ab 1954 als Rechtsanwalt und Notar, ist von 1968 bis 1984 Direktor der Stadt. Heute ist der engagierte Pensionär in Bad Oeynhausen ein geschätzter Ratgeber.

Eine unbeschwerte Jugendzeit in der Badestadt. Auf abendlichen Tanzveranstaltungen raucht der junge Bursche seine ersten Zigaretten „um den Mädchen zu imponieren,“. MzS erinnert sich: „Es war auch die Zeit, wo man anfing Swing zu tanzen. Der war von Amerika herübergekommen. Während der Tanzmusik kam zwischendurch immer wieder die Durchsage: „Im staatlichen Kurhaus ist das Swingtanzen verboten.“ Und weiter ging es mit normaler Musik. Aber nach kurzer Zeit begannen wir wieder in die Knie zu gehen. Bis es nach einer Viertelstunde wieder hieß: Im staatlichen Kurhaus…“
Die Wurzeln der Familie reichen im Bielefelder Raum zurück bis in das 15. JahrhundertEiner unter vielen: die Einberufung zum Arbeitsdienst 1938
Meyer zu Selhausen

Die bittere Zeit des Kriegstourismus nimmt ihren Lauf. MzS kämpft bei der Flugabwehr an vielen Fronten in Europa. Kurz vor Kriegsende wird er schwer verletzt, muss mehrfach operiert werden. Erst nach Monaten kann er in das von den Engländern besetzte Bad Oeynhausen entlassen werden.

Nach allen Wirren beginnt 1955 endlich eine gute und friedliche Zeit für den jungen Juristen. In den folgenden Jahren des deutschen Wirtschaftswunders ist die Region Löhne/Oeynhausen/Vennebeck das pulsierende Zentrum der westfälischen Möbelindustrie, der Handel läuft auf Hochtouren. MzS zählt als Rechtsanwalt und Notar mehrere Möbelversandgeschäfte und gut zehn Möbelfabriken zu seinen ständigen Klienten. „Die Praxis lief sehr gut, ein durchaus lukratives Geschäft.“ MzS tritt der FDP bei, wird Ratsmitglied.
Kriegshochzeit 1944, mit Ingeborg Meyer.
Meyer zu Selhausen

1968 kommt die Entscheidung: Man kann sich auf keinen der drei Bewerber für den Posten des Stadtdirektors einigen. MzS erinnert sich: "Einer aus der Fraktion fragte: Selhausen, wollen Sie´s nicht machen? Ich sagte: Nur wenn ihr mich alle ohne Gegenstimme wählt. Und das haben sie getan." In die wachen Augen kommt ein Leuchten: „Ich habe das gern gemacht, weil ich diese verdammte Stadt geliebt habe und immer noch liebe."

Die Gebietsreform 1973 zählt zu den großen Herausforderungen für den damals 43-Jährigen. Die Gemeinden Dehme, Eidinghausen, Lohe, Rehme, Volmerdingsen, Werste, Wulferdingsen sind in Bezug auf Schulwesen, Verkehrswege und Kanale nur wenig erschlossen. Das Bestreben von MzS ist es, in allen Bereichen ausgeglichene Verhältnisse für die Infrastruktur und die Lebensverhältnisse zu schaffen. Der Gewinn der Spielbank bedeutet einen enormenwirtschaftlichen Erfolg und zeigt sich dafür sehr hilfreich.
Stadtdirektor Meyer zu Selhausen an seinem Arbeitsplatz im Rathaus Chronik der Stadt Bad Oeynhausen


Das Wissen aus
seiner Amtszeit
fasst MzS später als
Chronist zusammen.
Meyer zu Selhausen

Mit der Alterspensionierung 1984 kann MzS auf eine erfolgreiche Zeit zurückschauen. Alteingesessene Badestädtische sprechen noch heute von einer "Goldenen Zeit" in Bad Oeynhausen. MzS zieht in seiner typischen Diktion das Fazit: "Habe mich parteipolitisch hundertprozentig neutral verhalten. Ohne falsche Bescheidenheit kann ich sagen: Wir waren finanziell gesund und hatten im Verhältnis zum Durchschnitt immer weniger Schulden."

Zum Abschied schenkt ihm die Stadtverwaltung eine große Bildkollage seines Schaffens. Immer wieder ist MzS darauf in typischer Manier zu sehen: mit Zigarre. Eine Gemeinsamkeit mit Ludwig Erhard ist im Kontext seines Schaffens nicht zu übersehen.

Danach schlägt MzS ein weiteres Kapitel seines Lebenswerkes auf: er wird zum Chronist der Stadt, verfasst die Stadtchronik der ersten 20 Jahre nach der Gebietsreform von 1973 bis 1993. Es folgen verschiedene Geschäftschroniken. Die Unterlagen für weitere zehn Jahre der Stadtchronik sind schon in die Handmaschine getippt, stehen als eine Reihe dicker Hefter im Stadtarchiv bereit.
Die Wirtschaftswunder-Zigarre schmeckt Die Wirtschaftswunder-Zigarre schmeckt

Die Wirtschaftswunder-Zigarre schmeckt
Meyer zu Selhausen

Gefragt, was er der heutigen Generation ins Aufgabenheft schreiben würde, antwortet MzS entschieden. „Habe mir geschworen, mich nie wieder öffentlich zu kommunalen Angelegenheiten zu äußern.“ Doch ein kritischer Blick auf die Gesellschaft gehört für den akribischen Nachrichten- und Zeitungsleser zur persönlichen Verantwortung.

"Es hat sich heute ein erheblicher Bewusstseinswandel für Natur und Umweltschutz vollzogen. Schlimm ist nur, dass aus all diesen Gründen die unbedingt notwendige Weiterentwicklung im gewerblichen Bereich immer schwieriger ist", bemerkt MzS dazu und wünscht sich eine bessere Erklärung kommunaler und gesellschaftlicher Planungen.

In präzisen zwei Stunden hat MzS sein Lebenswerk dargelegt. Gefragt nach dem großen Flügel im Wohnzimmer antwortet der 91-Jährige: „Man sagt mir immer nach, ich hätte einen sehr guten Anschlag.“ Dann greift er in die Tasten, ein Potpourri großer Filmmelodien aus den 30erJahren erfüllt den Raum. Was kann man ihm für die Zukunft mehr wünschen als „Noch viele, viele gute Zigarren!“ „Genau das wünscht sich mein Zigarrenhändler auch“, entgegnet MzS zum Abschied augenzwinkernd.
Am großen Flügel spielt MzS die großen Filmmelodien seiner Jugend

Ingeborg Meyer zu Selhausen fächelt sich durch eine Rauchwolke