Ruth-Margareth Horswell

„Ach, ich habe doch gar nichts Interessantes zu berichten.“ So unaufdringlich und bescheiden wie ihre gerade mal zentimetergroße Geburtsanzeige von 1926 ist auch das Wesen von Ruth-Margarete Horswell. Nur ihr englisch lautender Name macht hierzulande auf sie aufmerksam, nennen wir es Understatement. Wer aber einen Blick in die privaten Fotoalben werfen darf, der wird eines besseren belehrt. Hier zeigt sich eine weltläufige Persönlichkeit, die mit einem freundlichen Zwinkern in den wachen Augen weit über so manchen Tellerrand blickt.

Im Frühjahr 1930 weiß die vierjährige Ruth-Margarete noch nicht, wohin sie ihr Weg führen wird. Die 30er Jahre setzen Deutschland in Bewegung, eine unbeschwerte Kinderzeit endet im Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg. Für das kleine Mädchen aus Wuppertal-Barmen ist es der Beginn einer langen Zickzack-Reise durch die halbe Welt, bis schließlich Bad Oeynhausen zum erklärten Heimathafen wird.
Ruth-Margareth Horswell-Die Weitgereiste

„Was bringt mir diese Welt?“, das fragt ein vierjähriges Mädchen in Wuppertal-Barmen mit großer Mütze und Brille vom Vater.

Ruth-Margareth Horswell
Ruth-Margareth Horswell

Mit einem Jahr zieht die kleine Frau Meister das erste Mal um. Es geht nach Bielefeld, wo der Vater eine Anstellung bei der Baupolizei annimmt. 1937 kommt die Elfjährige auf die Auguste-Viktoria-Schule. In Erinnerung geblieben sind die Einsätze, die weit außerhalb der damaligen Oberschule für Mädchen stattfinden. Oft geht es mit der ganzen Klasse zum Bauernhof nach Jöllenbeck zum Kartoffeln sammeln. In den Jahren danach mehren sich die Kriegseinsätze. Es werden Knöpfe an Uniformen genäht, in den Ankerwerken wird Munition zusammengesteckt und poliert.

Vor dem Abitur geht die Reise Richtung Siegen zum Kurs als hochfrequenztechnische Laborantin. Als das Jugendheim ausgebombt wird, ist das nächste Ziel die Radarforschung, untergebracht in Schloß Bredeneek bei Preetz am Plöner See in Schleswig Holstein. Nach Kriegsende geht es zurück nach Bielefeld, aber es fehlt die Unterstützung zum Studium. Nach Jobs als technische Zeichnerin folgt die Weichenstellung des Lebens: Ruth-Margarete Meister übernimmt einen Posten als Kassiererin im Naafi-Family-Shop, einem Großmarkt für die englischen Besatzungssoldaten mit ihren Familien.
Junge Mädchen Weihnachten 1937 bei einer Kochschau in Bielefeld.
Die politische Führung stimmt ein auf den Platz in der Küche bei
Heim und Herd.

Ausweisbilder von Ruth-Margarete
Horswell, geborene Meister.Sie dokumentieren die Reise einer
jungen Frau durch die Wirren der Kriegszeit.
Ruth-Margareth Horswell

Zwischen Pfund, Schilling und Pence begegnet die begeisterte Buchhalterin und Typistin 1947 ihrem Traummann. Mit Edward Douglas Horswell, einem schmucken Sergeanten der Versorgungs-Logistik geht es bald auf Sightseeing durch Bielefeld. Der Gegenbesuch in Horswells Heimat bei Wimbledon im Süden Londons läßt nicht lange auf sich warten. Die Passagen über den Kanal nehmen ihren Anfang.

Die Übersiedlung nach England beginnt mit einer bösen Überraschung. Im Fährhafen Harwich steht die angehende Weltreisende ohne ihr Gepäck da. Es wurde nicht rechtzeitig vom Schiff entladen - eben logistische Probleme. 1951 wird in England geheiratet. Eine Hochzeitsreise gibt es nicht, die jungen Horswells sind dafür zu oft auf Dienstreise. Nicht alle Länder sind zu dieser gut auf die Deutschen zu sprechen. Da erleichtern Mrs. Horswell, geb. Meister, der englische Pass und ein freundliches „Hello“ die Konversation. Die Reisen werden fortan problemlos auf dem Dienstweg arrangiert, Mrs. Horswell assistiert nur als Quartiersmeisterin für Mr. Horswells private Unternehmungen.
„Germany to England“ - „England to Germany“ Die Zeichnung
eines Freundes läßt das junge Glück über den Ärmelkanal dampfen.


Die Reise geht nach England und hinaus in die Welt.
Ruth-Margarete Meister heiratet ihren geliebten Sergeanten Edward Douglas Horswell und sorgt für ihn als Quartiersmeisterin.
Ruth-Margareth Horswell

Die Horswells leben fortan aus dem Koffer. Auf einem Zettel notiert, liest sich die rastlose Reise so: Andover. Northamton. Germany (Bad Hamm, Bielefeld, Viersen). London. Egypt. Benghasi. Cyprus. Belgium. Germany. Singapore. Hongkong…


Die erklärten Automobilisten haben hinter den Städten und Ländern ihre Autos notiert. Das liest sich so: Alter Adler in Bad Hamm. Neuer VW in Benghasi, Belgien Opel, Germany Auto Union 1000 Cabrio - in Zahlung für einen Jaguar. Mercedes 300 in Münster. Roter Triumph in Singapur. Hongkong, England Morris Van. Alter VW Camper. Audi. BMW, Mercedes, Suzuki...


1967 soll endlich Schluss sein mit Horswells rastlosen Reisen. Edward Douglas verlässt die Army als Offizier (WO I Conductor). In Littlehampton an der südenglischen Küste wird als fester Wohnsitz ein Haus gekauft.
Ruth-Margareth Horswell, gut zu erkennen an den Autos der deutschen Nachkriegszeit.. Die Reise-Expertin ist fit in jeder Lebenslage.

In allen Sätteln sicher. Mit ihrem Mann führt sie ein abwechslungsreiches Nomadenleben.
Ruth-Margareth Horswell

Es beginnt der Unruhestand in England. Das Ehepaar bleibt kinderlos und Edward Douglas hat nach dem bewegten Leben als Soldat weiterhin das Rastlose im Blut. „Mein Mann war wie ein Zigeuner“, erinnert sich Ruth-Margarete liebevoll. So ziehen die Horswells weiter von einer Herausforderung zur nächsten, arbeiten als Clubmanager, Hausverwalter, Executives zwischen London und Littlehampton. Vor Ort sorgt Mrs. Horswell wie immer „meisterhaft“ für Unterkunft und Quartier.

Unermüdlich wehrt sich Edward Douglas Horswell gegen die Signale seines Körpers zum Innehalten. 2004 ist die Reise seines Lebens mit 87 zu Ende. Ruth-Margharete Horswell, damals 78, steht allein mit ihren Erinnerungen. Tapfer visiert sie ihr nächstes Ziel, es soll zurück nach Deutschland gehen, wo ihre Wurzeln sind, wo ihre Geschwister leben. Sie empfehlen einen Ort, an dem man sich endlich nicht mehr selbst um alles kümmern muss. Das Seniorenzentrum Bethel in Bad Oeynhausen hat dafür einen guten Ruf als „Grand Hotel Sorglos“. Seit 2007 ist es zum Heimathafen geworden.
Hier macht ein Opel Rekordmobil. Die Eheleute am gemeinsamen Wohnort.

Die Reise-Expertin hat noch
eine Menge zu erzählen. Endlich angekommen.
Nach einem Lebenswerk
als Reisemanagerin und
Quartiersmeisterin genießt
sie heute die Rundum-
Betreuung im Seniorenzentrum
Bethel Bad Oeynhausen.

Der Schatz bunter
Er­innerungen
wird von
ihr zu Papier gebracht
- in einer Fülle zarter Aquarelle.
In Frau Horswells Malkursen
trifft sich heute das
interessierte Publikum.