Ilse Brecht erzählt aus ihrer Kiste der Erinnerung

Auf eine roh gezimmerten Kiste malt ihr Vater 1946 in Großbuchstaben seine Heimatadresse: M. Schmiedel, Johannesberg bei Gablonz an der Neiße.
Gut 500 Kilometer lang ist der Weg von dort über Prag und Nürnberg bis nach Welzheim. Für Ilse Brecht, geborene Schmiedel, werden die Jahre der Vertreibung und Flucht zum Schlüsselerlebnis ihres Lebens. Sie ist mit Holz aufgewachsen: „Die Bäume waren mein Spielzeug.“ Der Vater betreibt ein Sägewerk, die Mutter eine Landwirtschaft. 1946 kommt jäh der endgültige Termin des Abtransports über die Grenze, mit dem Zug aus Viehwaggons. Sie brennen sich in das Gedächntnis des Kindes ein. In den „große, schwarze Wäge“ wird gehungert, gelitten und gestorben. Die Transport-Kiste hat Ilses Vater unterwegs aus Restholz gezimmert, sie ist untrennbar mit dem Geschehen verbunden, dient als Stuhl, Tisch und Bett. Oder als sicherer Tresor für den heißbegehrten Kanten Brot. 1947, vierzehn Tage vor Weihnachten, geht es auf einem LKW weiter. Man bringt die zwei durchfrorenen Mädchen mit ihren Eltern auf den Tannhof. „Der Kachelofen war an, es gab einen Rest von Rosenkohl und Bratkartoffeln, dazu Milch, Obst und Gemüse.“ Die Schmiedels sind angekommen.
Otto Aichele setzt den Grundstein für das Welzheim von heute.